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Die haben den Dreh raus

Familie Rasch aus Heide in Holstein hat extra für List ein Riesenrad
bauen lassen. Rundheraus gesagt: Das ist ziemlich verrückt, ganz schön gewagt
und hat trotzdem viel mit Sylter Tradition und Emotion zu tun. Hier kommt
das entsprechende Rundschreiben dazu, aus 35 Metern Höhe.

 

Eine Familie, die seit sieben (!) Generationen unter anderem von und mit Geisterbahnen, Schlangenmenschen und etwas namens »Dom Geister« oder »Fuzzys Lachsalon« lebt, muss ein bisschen verrückt sein. Dass Rico Rasch vom schleswig-holsteinischen Heide aus vor einigen Jahren nach List auf Sylt und in das Jahr 2017 rüberschielt und denkt, 725 Jahre List, der Hafen ist reif für das Riesenrad, ist dagegen komplett logisch und folgerichtig. Wenn man Darlin und Karl glauben darf. Aber der Reihe nach.

Darlin und Karl gehören zur Schaustellerdynastie Rasch, betreuen das neue Lister Riesenrad. Ticketverkauf, Computersteuerung der Fahrrunden, Kundenbetreuung – und Gedanken machen gehört auch dazu. Bisher hat Darlin, eine temperamentvolle Brünette mit funkelnden Augen, eine Geisterbahn auf dem Hamburger Dom gemanaged, aber jetzt ist das Riesenrad dran für sie. Karl ist der Freund von Darlin, schon seit über fünf Jahren, und stellt sich mit einem gewinnenden Lachen als »der Schwiegersohn« vor. Darlins Vater heißt Rico, sein Vater wiederum Robert und damit sind wir auf Sylt in den 1960ern. Erinnert sich noch jemand an den richtigen, echten Insel-Jahrmarkt von früher? Schlicht der sommerliche Höhepunkt für alle Sylter Kinder, die in den Ferien an schwerer Langeweile litten, wenn die Eltern wochenlang spurlos ins hochsaisonale Geschäft abtauchten. Erst fand er in Westerland statt, zwei, drei Wochenenden nacheinander, dann zog die bunte Karawane weiter nach Morsum auf die Wiese beim Muasem Hüs. Immer verbunden war damit der Diskussionsterror der Inselkinder, warum sie aus dem Inselosten AUF KEINEN FALL alleine nach Westerland dürfen und eine Woche später umgekehrt. Die Coolsten waren logischerweise damals die, die auf beiden Jahrmärkten wie selbstverständlich am Autoscooter herumlungerten, auch abends, und den Chip-Einsammler beim Vornamen riefen.

 

Verantwortlich für dieses Kinder- und Inselglück war all die Jahre vor allem ein Mann aus Heide, eben jener Robert Rasch, der stets mit den besten Karussells und Buden anreiste. Als Opa »mit dem Alter etwas ruhiger wurde«, wie es Karl formuliert, unter Schaustellern eindeutig daran zu erkennen, dass man von Geisterbahn & Co auf Entspannteres wie Entenangeln und Pfeilewerfen umsteigt, sprach er immer öfter mit seinem Sohn Rico von einem Riesenrad auf Sylt. Das wärs, für List, da ist noch nicht so viel los, das wäre unser Traum, das würde auch den Gästen große Freude machen, garantiert.

Der Familienzusammenhalt bei Raschs ist eng und herzlich, und als Robert vor ein paar Jahren starb, da wurde die Idee, von Rico verfolgt, wieder groß. Die Hürden allerdings auch. »So viele Richtlinien sind auf Sylt zu beachten, so viele Probleme zu bewältigen,« erklärt Darlin. »Das ist nochmal ein Zacken mehr, als bei uns auf dem Festland.« Bodenproben (Standfestigkeit? Beschaffenheit? Belastbarkeit?), Zielgruppendefinitionen (mindestens alle 15 Minuten ein Bus mit circa 50 Fahrgästen, dazu die Rundfahrten), Windberechnungen, Sicherheitschecks, Erfahrungswerte und immer wieder Kalkulationen: Fast zwei Jahre hat es gedauert, inklusive einem Jahr Bauzeit, bis sich das Riesenrad, verteilt auf diverse bärenstarke und riesige Lkws, aus Tschechien via Dänemarkfähre auf den Weg nach List machen konnte.

»Wir gehen da schon ein hohes Investitions-Risiko ein«, weiß Darlin. Was ein Riesenrad kostet? »Über Geld spricht man bei uns nicht«, lacht sie, »aber ein paar Jahre wird es schon noch dauern, bis sich das amortisiert hat«. Gut angenommen wurde die neue Attraktion des Lister Hafens bisher auf jeden Fall. Die Aussicht degradiert den Parkplatz vorm Erlebniszentrum Naturgewalten zum faszinierenden wuseligen Modelleisenbahnszenario, ist atemberaubend und nix für Höhenängstler. 35 Meter über Jünne Goschs Kopf rumzuhängen, das hat schon was. Gefahren werden kann vollkommen risikolos bis Windstärke zehn, aber »dann kommt sowieso keiner mehr, weil es echt ungemütlich wird und hier längst alle von der Hafenplatte fegt.« Geöffnet ist in der Regel von 11 bis mindestens 21 Uhr, je nach Wetterlage und Besucherandrang auch mal länger. Und auch, wenn da nur ein einziger Kunde an der Kasse steht, gehts sofort los, offenbar eine Ehrensache unter diesen Riesenradlern. Manchmal drehen ganze Hochzeitsgesellschaften eine Runde, wenn sie gerade auf See »Ja« gesagt haben, bei Regen kommt so gut wie gar keiner. Diese Wetterabhängigkeit, die macht das Geschäft unberechenbar.

Ende Oktober hat das Riesenrad, wie so viele Gäste, die Insel verlassen. Den Winter verbringt es auf dem Heider Weihnachtsmarkt, dann wird’s vielleicht auch mal irgendwo Urlaub machen und im Mai wieder auftauchen am Sylter Horizont, wenn alles glatt läuft. Mit hinreißendem Weitblick bis nach Dänemark und über mindestens die halbe Insel. Als Lister Spaßmacher. Und als eine wunderschöne, weithin sichtbare Reminiszenz an einen sehr geliebten Opa, der viele Inselkinder glücklich machte.

Technische Daten

Gesamtgewicht 180 Tonnen, Windlastzone 4+ (bundesweit damit die höchste), Stützpunktballast an acht Punkten 60 Tonnen, Baujahr 2016/17, Hersteller »Ride Technic s.r.o.« Otmarov/Tschechien, 35 Meter hoch, computergesteuert, 24 Gondeln für jeweils sechs Personen, gefahren werden jeweils drei Runden von circa sechs Minuten Länge, je nach Zusteigehalten. das Riesenrad wird zwei Mal pro Woche mit Heißdampf gereinigt, sonst frisst die Salzluft den schönen weißen Lack an.

 

Familie Rasch aus Heide

Sie sind die Dirigenten der Rundfahrten mit Panoramablick bis Dänemark im Lister Hafen:

Darlin und »der Schwiegersohn« Karl (rechts im Bild). Einmal, bitte: Gute sieben Minuten ist man dann sehr luftig unterwegs, erstaunlich wenig tangiert vom Wind, und gaaaanz oben gibts tolle neue Inselansichten und -perspektiven.

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