Kommentare: 0

Fotopaare im Lauf der Jahre

Manchmal sind es »nur« einige Jahrzehnte, die zwischen zwei Aufnahmen liegen, manchmal gehen wir Jahrhunderte zurück in der Gegenüberstellung historischer und aktueller Fotos. Ansichten zum Wundern mit wundervollen und auch tragischen Einsichten in die Inselhistorie, von Momentaufnahmen und ihren Pendants provoziert, von der renommiertesten Gästeführerin der Insel, Silke von Bremen, kenntnisreich kommentiert

 

Tinnum

Südhörn – die südliche Ecke – heißt heute die Straße in Tinnum, an der das alte Haus steht, dessen Anfänge auf das Jahr 1632 datieren. Während in Europa der 30jährige Krieg wütet, Rembrandt und Rubens uns grandiose Gemälde hinterlassen, baut ein uns unbekannter Tinnumer sein Haus, das heute zu den wenigen erhaltenen historischen Friesenhäusern des Ortes gehört. Zur damaligen Zeit gab es auf Sylt nur wenige Bäume, die Häuser lagen frei in der Landschaft, wie man es noch dem historischen Foto, das schätzungsweise aus den 1920er Jahren stammt, ansehen kann. Das auf diesem Foto am hinteren Bildrand liegende Gehöft existiert ebenfalls noch. Hier befi ndet sich das Café »Klein'er Kuhstall« der Familie Klein, besonders beliebt auch bei Einheimischen. Das vordere alte Friesenhaus, bis heute als Wohnhaus genutzt, hat eine bewegte Vergangenheit. Hier lebte Lorentz Nickels Jensen, der am 22. Oktober 1676 in Tinnum geboren wurde, vermutlich in diesem Haus. Er hat das für die damalige Zeit ungewöhnliche Alter von 86 Jahren (!) erreicht, war mit Karen Knut Nickelsen verheiratet, die ebenfalls 84 wurde und ihm 10 Kinder schenkte, vier Töchter und sechs Söhne. Damals lebten die Insulaner schon von der Seefahrt, die viele Männer das Leben kostete, was der Grund sein mag, dass von den Mädchen nur eines heiratete und drei ledig bleiben mussten. Drei der Söhne starben bald nach der Geburt und von den anderen drei Söhnen gibt es keine weiteren Nachrichten. Da das Haus anschließend in fremde Hände kam, ist davon auszugehen, dass auch sie nicht erwachsen wurden. Von wegen »gute alte Zeit«.

 

Westerland

Die Friedrichstraße von Westerland war einst die mondäne Flaniermeile der Stadt. Teure Hotels, edle Geschäfte und feine Restaurants reihten sich zur Kaiserzeit aneinander und hatten das Glück, in den Kriegen nicht zerstört zu werden.

Ein Großteil der historischen Bebauung fi el erst in den 70er Jahren der Spitzhacke zum Opfer, als der Wunsch nach »modern« und »praktisch« überhand gewann. Wenn man die beiden Fotos vergleicht, dominiert linkerhand das als »Hotel Seeburg« gebaute weiße Gebäude mit dem Türmchen. Im hinteren Bereich ist auf der rechten Seite noch der Rundbau des Hauses Wegst zu erkennen. Familie Wegst, die 1896 nach Sylt kam, lebt bis heute vom Souvenirgeschäft. 1931 erbauten sie ihr Geschäftshaus in der Friedrichstraße, das mit einem Elefantenkopf geschmückt ist, weil die ersten Generationen noch von der Elfenbeinschnitzerei lebten.

Das Hotel Seeburg wurde kurz nach 1900 eingeweiht und hat viele Besitzerwechsel erfahren. Der Erbauer konnte nach dem Ersten Weltkrieg die Kredite nicht mehr bedienen, der neue Eigentümer betreibt das Haus zunächst erfolgreich, muss es aber 1950 verkaufen. Bis 1976 wird das Haus als Hotel weitergeführt und was dann folgt, ist eine Sanierung im 70er-Jahre-Schick – ins Erdgeschoss kommen Läden, der Rest wird zu Appartements umgebaut und die einst strahlend weiße Fassade wird mit einem dunklen Klinker verblendet.

Aber 2015 erlebt das Haus, wie man heute so schön sagt, einen Relaunch. Wie der Phönix aus der Asche erstrahlt die Seeburg nun wieder. Allerdings hat sie Federn lassen müssen, der Name ist auf der Strecke geblieben. »Art your Life« Residence prangt in Leuchtschrift am Giebel.
Aber früher wie heute ist dieses Haus der Hingucker des Fotos.

 

Keitum

Wer heute durch Keitum bummelt, mag den Eindruck gewinnen, hier sei die Zeit stehengeblieben und man befände sich im 18. Jahrhundert. Dieses Gefühl ist der Tatsache zu verdanken, dass weite Teile des Ortes unter Denkmalschutz stehen und eine strenge Ortsgestaltungssatzung schlimmere bauliche Auswüchse verhindert hat. Wer sich die beiden Fotos ansieht, die im Abstand von vielleicht 80 Jahren gemacht wurden, der erkennt aber deutlich, dass von den drei Häusern auf dem Schwarz-Weiß-Foto nur noch das mittlere an seiner ursprünglichen Stelle steht.

Von den einst rund 170 Staven im Ort (so werden in der friesischen Sprache die alten Hauplätze genannt) sind Nummer 5 und 7, die im heutigen »Alter Kirchenweg« standen, abgerissen worden, um Neubauten im Friesenstil Platz zu machen. So erinnert nichts mehr an Erich Jensen, der im vorderen Haus (Staven 5) wohnte und im Jahre 1724 gemeinsam mit seinem Bruder ertrank, weil das Austernboot kenterte. Oder an Erk Simon Jensen, der 1870 vor Hoyer ertrank und ursprünglich aus dem hinteren Haus (Staven 7) stammte, sich aber wohl in Maria verliebt hatte und so nach der Hochzeit in der Nachbarschaft blieb. Und auch die Geschichte des mittleren Hauses, das die Zeit überdauert hat, ist nicht viel fröhlicher zu lesen: Der Walfangcommandeur Jürgen Baltzer kommt 1777 nicht aus dem Eismeer vor Grönland zurück. Alltägliche Schicksale von Familien, die in früheren Jahrhunderten von der Seefahrt lebten.

 

Rantum

Zwischen den beiden Fotos liegen schätzungsweise 50 Jahre. Ein halbes Jahrhundert, das in Rantum seine Spuren hinterlassen hat, weil der Ort – wie die Dörfer überall auf Sylt – vom Fremdenverkehr profi tieren durfte und die Einheimischen sich auf die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Gäste einstellten. Leider oftmals auf Kosten ihrer eigenen Geschichte. Die Fotos zeigen die sogenannte »Rantum Inge«, was gar nichts mit einer Dame gleichen Namens zu tun hat, sondern »Inge« heißt im der friesischen Sprache nichts anderes als »Wiese«.

Jahrhundertelang hatten die Rantumer im Westen der Insel gewohnt, bis sie von den Wanderdünen vertrieben wurden. So zogen sie ab 1800 in die Wiesen, bauten ihre Häuser, wie auf den Halligen, auf Warften und hofften bei jedem Sturm, dass ihre Erdhügel hoch genug sein mögen. Mittlerweile schützt ein Deich die Häuser, die samt und sonders Neubauten sind, weil kein Denkmalschutz in Rantum die historischen Gebäude sichern konnte.

Wenn man bedenkt, dass (auf dem älteren Foto) im mittleren niedrigen Haus mit den zwei Schornsteinen einst Merret Lassen (1789 – 1869) wohnte, die hier 21 Kindern das Leben schenkte und somit als Stammmutter vieler Sylter Familien zählt, ist das Desinteresse an Geschichte besonders schmerzvoll. Oder um es mit Siegfried Lenz zu sagen »Weltkunde beginnt mit Heimatkunde«.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

zum Seitenanfang